Attacke auf Web 2.0

August 15, 2007

epoca-logo.gifDer Engländer Andrew Keen hat sich in der brasilianischen Zeitschrift „Época“, die in Aufmachung und Inhalt in etwa dem deutschen „Focus“ entspricht, kritisch über verschiedene Aspekte des Internets und seiner Nutzung geäußert. Laut „Época“ war Keen einer der Pioniere des Internets in Kalifornien in den neunziger Jahren. In seinem Buch „The Cult of the Amateur“ greift Keen Web 2.0 an.

Im Folgenden will ich die von “Época” gestellten Fragen und die Antworten von Keen wiedergeben, da sie mir ebenso bedenkenswert wie diskussionswürdig erscheinen. Die Übersetzungen aus dem Portugiesischen sind von mir erstellt worden.

Época Sie sagen in Ihrem Buch, dass der Inhalt des Internets, der durch den Normalbürger produziert wird, einen Kult um den Dilettantismus schafft. Warum betrachten Sie das als Bedrohung unserer Kultur?

Keen – Es ist eine Bedrohung, weil es den Eindruck erweckt, dass wir alle Autoren sind, während wir in Wahrheit Leser sein sollten. Es wird den Menschen eine Illusion über seine Fähigkeiten vermittelt. Jeder hat irgendein Talent, aber die Mehrheit von uns hat eigentlich nicht viel zu sagen. Wir sind besser beraten, eine Zeitung zu lesen oder fernzusehen als uns daran zu versuchen, uns im Internet auszudrücken.

Época – Warum versichern Sie, dass dieses Phänomen die traditionellen Medien zerstören kann?

Keen - Ein Teil der traditionellen Medien ist bereits zerstört worden. Wir schauen dem langsamen Tod der Musikindustrie zu, wir schauen dem langsamen Tod der Lokalpresse in den USA zu. Ich glaube nicht, dass wir in einer Welt leben werden, in dem es keinen professionellen Spezialisten geben wird, der Informationen zusammenführt. Das zentrale Thema ist die Idee, dass Konsumenten weiterhin für Inhalt zahlen werden. Sie sehen ja schon auf dem Schallplattenmarkt, dass sie das nicht mehr tun. Mehr und mehr Menschen denken, dass die Musik frei zur Verfügung stehen sollte und rauben sie. Die traditionellen Medien werden nicht notwendigerweise sterben, aber sie werden sich dramatisch ändern. Die Massenkommunikationsmittel – die ich als demokratisch betrachte und wo ein Inhalt mit Qualität für den Preis von 10 oder 15 Dollar für eine CD, einen Film oder ein Buch zugänglich ist – werden vielleicht der Vergangenheit angehören. Während die digitalen Utopisten über die Demokratisierung der Medien und ihrer Inhalte sprechen, glaube ich, dass die Konsequenz sein wird, dass eine neue Oligarchie erscheinen wird. Die angeblich verbreitete Demokratisierung wird dazu führen, dass kulturelle Unterhaltung von hoher Qualität den normalen Menschen weniger zugänglich wird.

Época – Fans von web 2.0 sagen, dass die Blogs, die von großen Interessen unabhängig seien, eine reine Quelle der Information darstellen. Warum stimmen Sie dem nicht zu?

Keen – Einige Blogs sind sehr gut. Aber die Blogs sind nicht objektiv. Ich habe kein Problem mit der Blogsphäre, wenn Sie vorher die Zeitung lesen. Die Blogsphäre hängt davon ab, dass man mit den anspruchsvollen Medien vertraut ist. Wenn sie mit Nachrichten vertraut sind, verstehen, wie die Technologie funktioniert, kann die Blogsphäre nützlich sein. Aber mich beunruhigt, dass besonders für junge Menschen die Blogsphäre zu einer Quelle wird, die Nachrichten ersetzt. Sie glauben an alles, was sie lesen. Dann sorgt mich, dass die Blogsphäre in einer Gesellschaft immer wichtiger wird, in der Kinder nicht die geringste Idee haben, wir man zwischen den Zeilen der Nachrichten liest. Sie verlieren ihre kritischen Fähigkeiten. Dass die New York Times pro-israelisch ist und gesellschaftspolitisch liberal, wissen Personen wie Sie. Wir wissen auch, dass das Wall Street Journal in seinen Kommentaren sehr konservativ ist. Man kann Sie nicht manipulieren, das ist offenkundig, Sie können zwischen den Zeilen lesen. Im vielen Blogs ist das nicht der Fall.

Época – Warum ist das gefährlich?

Keen – Bei den traditionellen Medien gibt es Kontrollmechanismen. Falls Sie nicht gerade anonym sind, wissen alle, wer Sie sind und für wen Sie arbeiten. In der Online-Welt, wissen wir nicht, wer die Personen sind, die sich auf Websites wie Digg.com, Reddit oder Wikipedia bewegen. Sie könnten Teil eines Regierungsprogramms sein, einer terroristischen Organisation angehören oder einer großen Firma wie Wal-Mart oder Exxon. Sie alle könnten Inhalte in YouTube einstellen, in die Blogsphäre, und dabei vorgeben, unabhängig zu sein. Das liefert uns einer neuen Oligarchie aus, in eine Welt, in der es schwieriger ist die Wahrheit zu überprüfen als in den traditionellen Medien.

Época – Einige Spezialisten halten web 2.0 für einen Ausdruck der „Weisheit der Menge“. …

Keen – In der Theorie setzt die „Weisheit der Menge“ voraus, dass alle beteiligt sind. In diesem Fall wäre die ganze Welt beteiligt, die ganze Welt würde Wikipedia herausgeben, die ganze Welt würde in Digg oder in Reddit Empfehlungen geben, die ganze Welt würde in Amazon Rezensionen schreiben und das wäre vielleicht eine gute Sache. Aber in Wirklichkeit sind die meisten von uns nicht beteiligt, wir haben keine Zeit, kein Interesse oder keine Energie. Was wir als „Weisheit der Menge“ bezeichnen ist von einer kleinen Elite entführt worden, durch eine Oligarchie. Wir befinden uns in einer Kultur, in der die Personen, die die Kontrolle ausüben, nicht transparent sind und keine Verantwortung übernehmen müssen. Das ist das Erschreckende.

Época – Wer gehört zu dieser Oligarchie?

Keen – Viele sind gescheiterte Journalisten, Menschen, die es nicht geschafft haben, zu den Medien zu gehören. Deshalb sind sie gekränkt und wütend. Sie repräsentieren einen neuen Typ von Oligarchie, der ein Mittel gefunden hat, ein großes Stück Macht zu gewinnen. Sie sind ausgebildet, sie können Anliegen haben, von denen wir nichts wissen. Sie sind tendenziös, gut ausgebildet, jung, wütend und radikal. Für unsere Kultur repräsentieren sie meiner Meinung nach keine bedeutsamen Werte.

Época – Warum hinterfragen Sie die Vertrauenswürdigkeit von Websites wie Wikipedia oder Digg.com?

Keen – Wikipedia ist eine der großen Gefahren, denn Wikipedia ist so unzuverlässig, zu armselig, so falsch in allen Arten des Inhalts. Digg ist besonders problematisch. Ich habe den schweren Verdacht, dass die dort ausgesprochenen Empfehlungen von einer Gruppen von Aktivisten erstellt werden, von Jungen, die zwanzig Jahre alt sind oder ein bisschen mehr, Jungen, die nichts Besseres zu tun haben. Wir dürfen kein Vertrauen haben, weil wir nicht wissen, wer Empfehlungen ausspricht. Sie sind anonym, sie können versucht sein, unseren Geschmack nach ihren eigenen Interessen zu formen. Bei Wikipedia weiß niemand, wie viele Herausgeber wirklich existieren und wer sie sind. Wie kann es sein, dass diese Menschen Zeit haben, Wikipedia herauszugeben oder immer wieder Empfehlungen im Digg auszusprechen? Wie bezahlen sie ihre Kredite, wie bringen sie Essen auf ihren Tisch? Ich weiß es nicht und Sie ebenso wenig. Die Modelle Digg, Reddit oder Wikipedia bieten sich für Korruption an. Jeden Tag gibt es neue Hinweise darauf, dass die Personen, die diese Systeme nutzen, das zum eigenen Nutzen tuen.

Época: - Im Buch „How mumbo jumbo conquered the world“ zeigt der Journalist Francis Wheen, dass absurde, dumme oder falsche Thesen leicht akzeptiert werden. Gehört web 2.0 dazu?

Keen: – Es gibt viel Unsinn („mumbo jumbo“) über web 2.0. Die drei größten Unsinnigkeiten im Internet sind die Stichworte Konversation, Kooperation und Gemeinschaft. Deshalb habe ich mein Buch geschrieben. Um zu sagen: „Seht her, das meiste von dem ist Unsinn, Spinnerei, Blödsinn.“ Aber es steht mehr auf dem Spiel. Es gibt Leute, die von all dem reich werden. Wer Aktien von Google, YouTube, MySpace hat verdient ein Vermögen. Das ist ein ernsthaftes Geschäft. Es sind zu viele gewichtige Interessen im Spiel, als dass man ignorieren könnte, was geschieht.

Quelle:

Época (São Paulo) vom 6. August 2007.

Übersetzung durch Rainer Erkens, PL Brasilien, Friedrich-Naumann- Stiftung für die Freiheit

São Paulo, den 7. August 2007

One Response to “Attacke auf Web 2.0”

  1. Dirk Says:

    Lieber Herr Erkens,
    erst einmal vielen Dank für die Übersetzung dieses interessanten Interviews. Andrew Keen spitzt die Web 2.0-Problematik hier sicherlich etwas zu, um größere Aufmerksamkeit zu erlangen. Ich persönlich halte etwa sehr viel von Wikipedia und nutze es regelmäßig. In der engl. Version wird sehr viel Wert auf Quellenangabe gelegt, das fehlt in der deutschen Verion leider noch häufig. Als kritischer Leser sollte man bei solchen Angeboten erkennen, wenn Artikel – etwa über einen Politiker – stark zum Positiven oder Negativen „frisiert“ wurden. Eine gewisse Subjektivität (auch wenn der Beitrag von mehreren, unabhängig agierenden und mehr oder weniger anonymen Personen verfasst wurde) lässt sich nie vermeiden. Übrigens auch nicht bei einem „reonmiertem“ Lexikon, etc..

    Und wer oder was ist „objektiv“? Der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinem Auftrag der Grundversorgung ist gerade durch ein Urteil des BVerfG gestärkt worden, doch war etwa die Berichterstattung zum Radsport in den letzten Jahren objektiv? Ich habe da berechtigte Zweifel, möglicherweise war hier der ein oder andere Blogger näher dran an der Doping-Realität.


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